Lana Kos in Das Opernglas 9/2015

Üblicherweise wird die physische Konsti- tution, die ein Opernsänger auf der Bühne aufzubringen hat, mit der eines Hochleis- tungssportlers verglichen. Berufssänger unter den Lesern dürften dem wohlwissend zustimmen. Und jeder engagierte Hobby- sänger bekommt am Ende seines schweiß- treibenden Unterrichts stets eine Ahnung davon.

Als herausfordernd darf auch das vierma- lige Auftreten in einer höchst anspruchs- vollen Opernpartie innerhalb von sechs Tagen gelten. Diese sportliche und nicht eben sängerfreundliche Aufgabe hatte Lana Kos im Mai an der Königlichen Oper in Stockholm zu meistern. Glücklicherweise schien die junge Sopranistin dadurch kei- nerlei stimmlichen Schaden zu nehmen. Im Gegenteil – erwies sich die Kroatin in der besuchten letzten Vorstellung als Zug- pferd und Fixpunkt in einem. Ohne jegliche Ermüdungserscheinungen sang Kos eine mit feinen Koloraturen, stratosphärischen Höhen sowie breiter, tragfähiger und warm klingender Mittellage versehene Violetta. Er- freulich auch das Engagement, ihre Partie mit vielen, schön gelungenen Piani und De- crescendi auszustatten. Beinahe ebenbürtig geriet auch ihre mimische Darstellung der schwindsüchtigen Kurtisane. In einer recht einfallslos und sehr blutleer daher kom- menden Inszenierung von Londons Royal Opera House Intendant Kasper Holten hatte Violetta als Hostess in einem wenig erotisch wirkenden Strip-Club zu agieren. Violetta möchte leben, lieben, sehnt sich nach Geborgenheit. Was sie bekommt, ist gesellschaftliche Ächtung und schließlich ein Leben als schwerkranke und erniedrigte

50_56_SaisonfinaleObdachlose. Ein trauriger und harter Weg, den die Sopranistin dem am Ende begeister- ten Publikum unmittelbar erfahrbar machte.

Wenn auch im Spiel wenig glaubwürdig, vermochte Karl-Magnus Fredriksson als Giorgio Germont stimmlich mehr als zu überzeugen. Prächtige und wohlklingende Höhen, ein herrliches Legato und italie- nische Raffinesse ließen die Musik Verdis unter dem Gestaltungswillen des schwedi- schen Baritons zum wahren Genuss werden.

Einen solchen fand der Zuhörer bei Jonas Degerfeldts Alfredo leider weniger. Manch fulminante Höhe ließ erahnen, dass der Tenor einst eine gesunde und flexible Stim- me sein eigen nennen konnte. An diesem Abend jedenfalls fiel sein Gesang einer un- zureichenden Technik zum Opfer, klang fad und oftmals zu tief. Es grenzte an ein kleines Wunder, dass seine Bühnenpartnerin in den Duetten mit ihm stets saubere Einsätze zu vollbringen wusste.

Bleiben Sara Olsen als Flora und John Erik Eleby als Doktor Grenvil, die im restlichen Ensemble adäquate Leistungen abzugeben vermochten.

Klanglich zufriedenstellend agierte auch der Königliche Opernchor unter seinem Lei- ter James Grossmith. Jedoch war er nicht immer und vor allem nicht im ersten Akt (beim Aufbruch der Gäste: „Si ridesta in ciel l’aurora“) rhythmisch im Einklang mit der Königlichen Hofkapelle, die von Janni- ca Gustafsson oft viel zu laut angetrieben wurde. So sollten sich dann auch nur selten Verdis musikalische Feinheiten offenbaren. Erkennbar waren diese in erster Linie in der Ouvertüre, dem Vorspiel zum dritten Akt und im folgenden „Addio, del passato“, welches die Titelheldin zum traurig-schönen Höhepunkt des Abends werden ließ.

S. Martens